Mittwoch, 26. August 2015

50 Tage- Was ist schon Zeit?

Diese Frage stelle ich mir ab und an, bei meiner Tagträumerei. Manchmal fühlt es sich an, als sei ich schon eine Ewigkeit weg, dabei sind es erst 50 Tage.
Die Uhrzeit ist für mich nur eine Frage des Startes und der Ankunft am Tag, dazwischen spielt sie keine Rolle und meine Armbanduhr trage ich schon lange nicht mehr am Handgelenk.
Ja und Wochentage? Die muss ich nachschauen. Sie haben an Bedeutung verloren! Schon merkwürdig.
Manchmal fühle ich mich " völlig aus der Zeit gefallen" und kann es nicht erklären.
Besonders wenn ich Autobahnen überquere! Da fühle ich mich wie eine
" aussterbende Spezie" oder mehr
wie von einem anderen Stern.
Aber eins ist sicher, ich habe jede Menge Zeit! Dass ist doch ein herrliches Gefühl. Mein Leben bietet mir jeden Tag eine Fülle von neuen Eindrücken, Möglichkeiten und Begegnungen und ich habe Zeit diese zu "erleben". ( Wort-wörtlich)
Ich habe nichts anderes vor als diese Eindrücke zu sammeln, zu genießen, für ein Bett und für mich und meinen Körper zu sorgen.
Mein Leben aus und mit dem Rucksack! Ich bin die Schildkröte, die ihr Haus auf dem Rücken trägt und langsam vorwärts, aber geduldig ans Ziel kommt. Mit Beppos Motto (der Straßenfeger aus Momo) laufe ich immer noch gut: "Du musst nur die Straße vor deinen Füßen sehen und nicht das Ende der Straße! Dann schaffst du es bis zum Ende."
Alles bekommt eine neue Bescheidenheit und das ist wunderbar.

Nun liegen die ersten Etappen hinter mir und die Gefühle fahren Achterbahn.
Nach meinem ersten Sprachversuchen war ich ja frohe Mutes, dass alles sich finden wird. Allerdings fand ich meine in Perl gekaufte Wanderkarte schon nach 10 km nicht mehr, die hatte ich im Office de Tourisme in Sierck-les-Bains liegen gelassen. Zurück laufen war die erste Idee, aber ein Anruf zeigte mir, dass keiner mehr da war. Also lief ich bis nach Sainte -Marguerite, wo ich ein wunderschönes, französisches Zimmer in einem Bauernhaus bezog. Die Wirtin, M. Bidon- Keller hörte meine einstudierten Sätze und sagte:" Perfekt!"
Sie sprach super Deutsch, war ihr Exmann doch Deutscher. Ich durfte im Garten sitzen, meine Wäsche raus hängen und wurde mit Tomaten aus dem Garten verwöhnt.
Am nächsten Morgen zog ich früh los und lief durch lichte Wälder in denen noch alte Bunkeranlagen verrotten. Ziemlich bedrückend. Dann ging es über Landstraßen nach Kidange-sur-Canner wo ich mir nicht traue in der Bar nach dem Pilgerstempel zu fragen. Ich gehe weiter und finde meine erste Boulangerie! Da nehme ich mein Herz in die Hand und kaufe ein Croissant allmond und eine gascongne de schokolade. Voila, es geht doch!
In Abancourt vor der Kirche genieße ich meinen Einkauf und komme gestärkt nach St. Hubert! Hier beobachte ich wie kleine Zicklein ganz aufgeregt meckern und rennen und dann erkenne ich, dass sie einen Fuchs jagen. Es ist ziemlich drollig, denn der Fuchs läuft vor dem Zaun davon.
Nun habe ich die Wahl zwischen kürzeren oder längeren Weg. Ich entscheide mich für letzteres,  die Kapelle " Zu unseren lieben Frau von Rabas" anzuschauen. Diese ist natürlich geschlossen! Gegenüber grillen Franzosen und grüßen freundlich. Ich finde meinen Weg und laufe optimistisch in den Wald. Nach ca.4km stimmt nix mehr! Nach der letzten Abzweigung gibt es keine Markierung mehr und statt an einen Forstarbeitetplatz raus zukommen, befinde ich mich auf einer " Straßen-Baustelle"!!?? Zurück und einen neuen Weg suchen! Rien! Also wieder zurück, um Schilder zu finden.Rien de tout! In der Ferne sehe ich ein Haus und dass soll mein Ziel werden. Also laufe ich die Schotterpiste immer gerade aus. Ich bin total aufgewühlt und mir laufen die Tränen einfach runter. Ich kann mich nicht disziplinieren. Umsomehr ich es versuche, desto hysterischer heule ich! Also lasse ich es laufen, es hört ja keiner. Ich komme tatsächlich auf eine Straße und muss entscheiden, ob rechts oder links. Es kommt ein Auto und ich halte es an! Ich fuchtel mit den Armen und frage den jungen Afro- Franzosen: Vigy- par la? S.v.p. Er zeigt links und ich bin so froh, dass mir " Merci Cherie" anstelle von " Merci beaucoup" über die Lippen kommt. Er schaut mich verdutzt an, ich lache und gehe weiter.Nach 29 km erreiche ich mein Quartier und stotter mich durch die Anmeldung. In einer Art Monteursquartier beziehe ich ein Zimmer und ruhe mich aus.
Ich gehe noch eine Runde durch den Ort und als ich zurückkehre, höre ich Musik. Ich schaue in einen Mehrzweckraum und sehe Franzosen tanzen. Volkstänze, aber auch nach französischen Chansons. Ich setze mich vor das Fenster und schaue ein Weile zu.
Am nächsten Morgen stärke ich mich an meinem ersten Frühstücksbuffet in Frankreich. Alles ist reichlich und rustikal! Teller- Fehlanzeige, auf dem Tablett wird geschmiert! Tassen? Die Franzosen trinken aus den Müslischalen. Das geht mir dann doch zu weit und ich frage/ zeige nach Tassen und bekomme auch eine.
 
Kennt jemand einen Pizzaautomaten?
Ich habe ihn hier im Ort gefunden!

Ich gehe los zur nächsten Etappe, die heute nur 20 km ist und in Metz endet. So bleibt Zeit für eine Stadtbesichtigung.
Der Weg dahin führt durch Wald und über Felder. Die Temperaturen steigen auf 35 Grad und an jeder Kirche hole ich frisches Wasser.
Meine erste Anlaufstelle ist der Dom und er ist überwältigend. Die Fenster sind teils sehr alt, teils von Marc Chagall. Ich werde von einem älteren Paar angesprochen, das deutsch kann und sie erzählen, dass sie jedes Jahr im September pilgern.
Ich laufe noch durch die Markthallen, also am Herzen  der französischen Esskultur entlang und genieße die Gerüche und die Anblicke! Ich kaufe 3 verschiedene Pflaumen und lasse sie waschen und dann ist es da, dass Lebensgefühl der Franzosen. Oh wie vermisse ich jetzt Holger, der daran genauso viel Freude hätte wie ich.
Nun ab in die Jugendherberge und frisch gemacht. Dass ist kaum möglich, denn in dieser wirklich sehr einfachen Herberge herrschen gefühlte 45Grad. Also schnell wieder in die Stadt.
Mit dem " Petit Train" bekomme ich eine deutsche Stadtführung und kann meine Füße schonen. Dann will ich noch zum Centre Pompidou- Metz, aber mein rechter Fuss schmerzt heute derart, dass ich mir ein Picknick ( Brot, Schinken, Pflaumen, Wasser) kaufe und mich hinter die " Temple Neuf" setze und mit Blick auf die Mosel und die Seille zu Abend esse.
Ich telefonierte mit Svea als zwei Polizisten direkt auf mich zusteuerten. Ich wurde ziemlich unsicher und überlegte, was ich verbrochen habe, als der bulligere von Beiden mich ansprach und ich verstand, dass der Park jetzt abgeschlossen wird. Zum Glück haben sie nachgeschaut.
Also schlenderte ich durch das abendliche Metz, was ein völlig anderes ist. Herrlich beleuchtete Kirchen, Brücken und Plätze. Überall sitzen Leute auf den Strassen, in Restaurants und es liegt ein Summen von Stimmen  in der Luft. Mir nimmt es ein wenig die Luft, weil ich mich doch in diesem Moment recht einsam fühle. Was würde ich dafür geben mit einem lieben Menschen hier zu sitzen?
Ich lief in mein völlig überhitztes Zimmer zurück und vor dem Fenster war Jugendparty. Wie gut das ich meine Ohrstöpsel habe, so ist wieder eine Nacht gerettet.
Das Frühstück war ähnlich wie gestern und ich habe meine "Müslischüssel"(une boul) unter den Kaffeeautomat gestellt und Cafe aux Lait gedrückt. Oh lecker Kaffee- große Vorfreude- der erste Schluck- Carokaffe! Auch nicht schlecht nur unerwartet. Aber es war eine Jugendherberge! Alles Andere gab es reichlich, entgegen allen Unkenrufen der Reiseführer. Entweder die Franzosen ändern ihr Frühstücksverhalten oder die JH stellen sich auf Touristen ein.
Dann lief ich als erstes nochmal zum, Dom und lauschte den letzten Minuten des Gottesdienstes und hörte die Orgel und ich war zutiefst berührt.
Jetzt fùhlte ich mich behütet und bestärkt.Die Herrenhuter Losung sagte:
" Er gibt den Müden Kraft
und Stärke genug dem Unvermögenden."
So gerüstet laufe ich einen herrlichen Fußweg am Kanal der Moselle entlang und auf den fast 10km begegnen mir jede Menge Jogger aller Altersklassen und Laufstile, allein oder in Gruppen. Sonntags Vormittag joggt der Franzose! Es waren mehr unterwegs, als bei unseren Volksläufen und ich habe kurz überlegt, wieviele jetzt beim Training sind. Alle grüßen freundlich " Bonjour" und so habe ich jede Menge französische Konversation.
Ja jetzt die Schuhe tauschen! Aber vor mir liegen noch 20 km und die wollen auch geschafft werden.

Ja und dann passiert es. In Jouy aux Arches suche ich den Weg und als ich mich entschieden habe und loslaufe, sehe ich ihn! Den Pilger auf der Treppe sitzen! Ich grüße mit Bonjour, sehe den gelben outdoor- Führer und frage: Oder Hallo? Antwort hallo! So lernte ich Joachim, einen Lehrer aus Koblenz kennen. Er hatte gar keine Wahl, wir gingen gemeinsam weiter. Unterwegs verirrten wir uns in einer "Umleitung" und der Regen holte uns ein. Also gingen wir erstmal in eine Bar und bestellten Kaffee. Dabei entdeckte ich, dass sein französisch nicht besser ist als meins, aber zwei ergeben manchmal auch ein Ergebnis. Dann irrten wir weiter im Nieselregen und fragten uns durch. Wir landeten auf der Landstraße. Lieber den direkten Weg, als noch mehr Umwege. So erreichten wir die Auberge, welche aber geschlossen hatte. Es stand eine Telefonnummer dran und ich rief mutig an. Ein AB ging ran!! Also redete ich drauf und es ging fast gut! Wir setzten uns in die Bar auf der anderen Seite und tranken ein Bier und warteten. Ich fragte den Wirt, ob er helfen kann. Nochmal anrufen. Mutig nochmal die Nummer gewählt und es war jemand dran. Mein Verslein aufgesagt, ein Schwall französisch kam und dann brach die Verbindung ab! Naja, jetzt wußten sie, das jemand da war. Kurz danach wurde uns geöffnet und für 50!!!€ erhielten wir ein Zimmer mit HP. Sonntag abend haben wir keine Wahl. Das Zimmer hat schon bessere Tage gesehen und das Bad seine letzte Reinigung vor einiger Zeit. Aber ich habe ein Balkönchen mit ganz vielen Geranien dran und das freut mich. Das Diner besteht aus Pate mit Barguette, marinierten Hühnerfleisch, Kartoffelgratin und Frostgemüse. Wäre es frisches Gemüse gewesen, wäre es perfekt gewesen. Als Dessert gab es Obstsalat oder frommage blanche. Ich entschied mich für Käse und dachte an Brie oder Camenbert, aber es kam eine Schüssel Sahnequark?! Wieder eine Lektion gelernt.

Von der Wirtin erfuhren wir, dass die Auberge auf der nächsten Etappe geschlossen hat, d. h. dass es kein Bett gibt. Nun wurde es spannend. Plan B musste her und der war schnell gefunden. Office de tourisme ansteuern oder auf Zeltplatz bei Landsmännern unterkommen. So gingen wir beruhigt schlafen.
Nach einem reichlichen Frühstück brachen wir früh auf und folgten unserem Pilgerführer, aber er führte uns diesmal in die Irre. Wir kamen auf einem weniger schönen Weg nach Pont-a-Mousson, um festzustellen, dass sich der Umweg nicht gelohnt hat, da die im Buch gepriesene Touristeninfo montags erst 14 Uhr öffnet. Also suchen wir den richtigen Weg zurück und treffen zwei Pilger, die gestern sich auch an der selben Stelle verlaufen haben! Es lag somit wirklich nicht an uns!
Wir finden den Weg nach Jezanville und kaufen in einer Bäckerei pain au chocolade, welche wir in der Bushaltestelle essen, denn es nieselt mal wieder.Der Weg ist wunderschön und abwechslungsreich und wir kommen nach Dieulouard und hoffen auf einen Kaffee! Nichts! Also weiter nach Saizerais, wo wir vor der Kirche pausieren. Der Hunger meldet sich und so greife ich auf meine eiserne Reserve- Knuspermüsli- zurück und gebe frisches Wasser dazu! Einfach aber köstlich. Hinter uns liegen 30 km, vor uns noch 6 km und die bange Frage: Gibt es ein Bett?
Als wir in den Ort laufen, sieht Joachim ein Schild " chambre"! Noch bevor wir diskutieren können klingel ich schon. Das Tor öffnet sich automatisch und als wir das Grundstück betreten, haben wir einen herrlichen Blick auf die Moselschleife und auf einen Swimmingpool. Ich sage nur, dass wird teuer werden. Ein älterer Monsieur und ein verrückter Hund öffnen uns das Haus, welches voller Plastiken und Skulpturen von nackten Frauen ist, was mich ein bisschen Zweifeln lässt, aber ich habe ja männliche Begleitung. Das Zimmer ist im " Louis XlV- Stil und die Bettwäsche hat ein Hundemotiv! Wir fragen nach dem Preis und verhandeln dann erfolgreich auf 50€ für das Zimmer. Wer hätte das gedacht, so ein Geschenk! Ehrlich gesagt, habe ich mich schon in einem heruntergekommenen Wohnwagen für 27€ pro Nase gesehen. Als der Wirt hört, dass wir 36 km gewandert sind, bietet er uns an, uns zum Supermarkt zu fahren, da der 2 km entfernt ist. Wir nehmen dankend an und kaufen uns eine Brotzeit. Pate,Brot, Galliermelone, Tomaten, Käse und eine Flasche Cidre. 
Nach den Plastiken gefragt, erfahren wir, dass er Bildhauer und Schriftsteller war.
Wir essen bei frischem Wind auf der Terrasse und beglückwünschen uns zu diesem Essen, diesem Quartier und diesem Tag.
Wieder ein Zufall des Weges, der uns zu Weggefährten gemacht hat. Wenn ich nur 1/2 Stunde später an dem Ort gewesen wäre.....
Ja dass ist die Dimension der Zeit momentan in meinem Leben.




Mittwoch, 19. August 2015

Viva la France


Nun bin ich soweit und lasse am 20.08. Deutschland hinter mir.Jetzt ist die Herausforderung nicht mehr unbedingt die Höhenmeter, wie an der Mosel, sondern die Sprachbarrieren! Reicht mein 5maliger VHS- Sprachkurs kurz vor dem Start, um telefonisch ein Bett zu reservieren, unterwegs nach Wasser zu fragen und etwas zu Essen zu ordern? Kann ich nach dem Weg fragen und die Antwort richtig deuten?  Reichen die Vokabeln, um wenigstens rudimentär von mir zu erzählen? Trau ich mir überhaupt den Mund aufzumachen? Ich glaube jetzt geht das Abenteuer erst richtig los! Und.... ich freu mich drauf! Auf mein erstes Barguette mit Pate de Grandmere',  den Käse, den Wein und die leckeren Tartes. In einer Herberge habe ich gelesen:" Die aufrichtigste Liebe, ist die Liebe zum Essen." Viva la France!

Davor gab es aber noch 2 Etappen mit Yvonne bis Trier, welche recht anstrengend aber auch hübsch waren, ging es doch regelmäßig durch Weinberge hoch in die Wälder des Hunsrück, um dann wieder abwärts in die Weinberge und zur Mosel zu gelangen. Am Wegesrand gab es Unmengen an reifen Brombeeren und an den Weinbergmauern flitzten kleine Salamander in die Ritzen, wenn unser Schatten sie traf. Am Waldesrand sahen wir einen Fuchs und ab und an ein Eichhörnchen.

Die Pilgerherberge in Klausen war sehr modern ( allerdings fehlte ein Gemeinschaftsraum mit Wasserkocher), aber die Wirtin war so biestig, dass ich sie nicht als Herbergsmutter bezeichnen möchte. Gewöhnungsbedürftig war, dass nachts zwei Deckenleuchten ( für die es keinen auffindbaren Schalter gab) und das Notausganggsschild die ganze Nacht leuchteten, sodass es im Zimmer recht hell war und ich mich fragte, ob wir unter Beobachtung stehen.
In Schweich hatten wir auch ein seltenes Exemplar von Vermieterin. Auf die Frage nach einem Wasserkocher, erfuhr ich, dass ich das im Hotel ab 150€ erwarten kann, aber nicht hier. Das Domozil war noch im schicken 70iger Jahrestil mit grüner Sanitärkeramik. Bei 29€ war es nicht möglich statt Kaffee oder Tee ein Glas Mineralwasser ( das haben sie nur in der Flasche??!!) zu bekommen, aber laues Leitungswasser gabs dann doch!
Also liebe Pilger, mein Tipp, wenn ihr es schafft, dehnt die Etappe bis zum Gasthaus Crames in Biewer aus! Der nette Wirt hat nicht nur einen Pilgerstempel und den größten und leckersten Bienenstich ( s. Foto) am Weg, er bietet Doppelzimmer mit Frühstück, Wasserkocher und Bügeleisen für 53€ das DZ an!

Ja und in Trier erwartet uns noch ein kurioses Erlebnis! Yvonne humpelte tapfer durch ganz Trier um den offiziellen Endpunkt des Moselcaminos zu erreichen, die Abtei St. Matthias. In der Hoffnung dort den letzten Stempel zu erhalten, klingelten, klopften und suchten wir erfolglos- Sonntags 15 Uhr war alles zu: Laden, Pilgerbüro, Pforte!
Doch dann sahen wir einen " Mitbruder" und sprachen ihn an. Er schüttelte den Kopf und sagte:" Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir 24 Stunden für Sie da sind?!" Dass nicht, aber Sonntags Nachmittag, wenn es doch ein Pilgerbüro gibt! " Das ist nur für unsere Pilger geöffnet" , war die Antwort! Ja liebe Pilger es gibt auch hier Pilger verschiedener Klassen! Ich versuchte es nochmal, weil ich es schon traurig fand, mit dem Vorschlag eines frei zugänglichen Stempels ( festggepinnt im Briefkasten oder in der Kirche). Er schüttelte den Kopf und ich ließ ihn mit dem Nachsatz " Man könnte ja mal darüber nachdenken" ziehen.

Also liefen wir zurück in die Altstadt, an den Dom und zur Dominfo, wo wir mit freundlichen Worten einen Stempel und eine Adressenliste bekamen und wo es eine Pilgerzimmervermittlung gibt! Also hier wäre ein gutes Ende für den Camino und man spart ca.6 km.
An der Porta Nigra verabschiede ich mich von Yvonne und beziehe mein charmant- morbides Zimmer ( die Wäsche ist mit Monogramm bestickt und es gibt noch nostalgische Kippschalter)
bei den Schwestern von St. Joseph.
Hier plane ich die nächsten Etappen und reserviere vor, um entspannt zu laufen. Ich plane ein paar kürzere Etappen, damit sich meine Achillissehnen etwas erholen können.

Abends lese ich noch im neuen Caminoführer und bin verunsichert. Steht da wirklich die Wege sind kaum markiert und es gibt zu wenig Übernachtungplätze?!! Habe ich das beim Planen unterschätzt? Ich buche gleich die nächsten drei Übernachtungen vor und in Perl besorgt die Wirtin mir das erste französische Bett.
Morgens bin ich unausgeschlafen, weil ich Alpträume hatte. Ich schlief vor einer Kirche und ein Hund weckt mich. Später träumte ich der Weg bricht unter meinen Füßen weg. Mir war zum Heulen und draußen zeigte sich Trier im Regendunst! Schnell an Holger eine Jammer-sms geschrieben. Er tröstet mich und meint das wäre nur der " Blues", ich schaffe das schon! Was würde ich nur ohne meinen Mann machen? 
Also frühstücke ich allein in einem großen, holzgetäfelten Raum und verlasse das Stift um meine Vorräte aufzufüllen.Ich kaufe einen USB- Stick, um meine Bilder zu sichern, falls meinem Fotoapparat irgend etwas zustößt. Ich finde nach langem Suchen einen Laden, wo ich an einen PC kann. Der junge Betreiber spart sich lange Erklärungen und kopiert sie mir gleich auf den Stick und brennt mir eine CD, so dass alles einen " doppelten Boden" hat.
Ich schaue mir noch die Kaiserthermen an, bevor ich mich 12 Uhr auf den Camino mache. Das Schicksal will es, dass ich nochmals an der Abtei St. Matthias vorbei komme. UND?! Es ist nur von 14-17 Uhr jemand da. Das ist also ein Satz mit X, das war wohl nix!
Der Himmel ist grau und es nieselt und manchmal in " Strippen". Der Weg ist direkt der Radweg, also Asphalt und eingeklemmt zwischen Mosel, Straße und Eisenbahn. Nicht wirklich schön, aber dem Wetter angepasst.Dieses Grau stachelt meinen Trotz an und ich fühle mich allem gewachsen was da kommt.
Später lese ich:" Leben ist nicht zu warten, bis der Sturm vorbei ist, sondern zu lernen im Regen zu tanzen!"
Also tanze ich!
In Tanzen erwartet mich eine freundliche Wirtin, Frau Scheid, welche mir eine Kanne heißes Wasser für meinen Tee macht und sich zu mir setzt, als ich die mitgebrachten Teilchen esse. Wir unterhalten uns und das tut gut.
Eine 10 köpfige Pilgergruppe aus Meißen klopft an, sprengt aber die vorhandenen Kapazitäten. Frau Scheid gibt ihnen einen Tipp, wo sie zelten können,
Ich ruhe mich aus und gehe schon 21 Uhr schlafen.
Morgens bin ich völlig erholt und mich erwartet ein tolles Frühstück. O- saft, Kaffee, Käse, leckerer Quittengelee, Quark... alles was das Herz begehrt. Ich darf mir noch Mitnehme- Semmeln schmieren. Dann verlasse ich diesen heimeligen Ort und laufe hoch zum Römertempel, wo die jungen Leute gerade aufstehen. Unterwegs begegnet mir der Kürbismann, den ich euch nicht vorenthalten kann, denn ich habe herzlich gelacht!


Det Weg führt durch lichten Wald und das Grau des Himmels wird langsam heller, um den einen oder anderen Sonnenstrahl durchzulassen. Abwechselnd folgen große Weideflächen und Felder, sodass es einer Almwanderung nicht unähnlich ist. Nur dass dort die Kühe draußen sind und nicht wie am Ortseingang in Fisch im Stall brüllen!
Der Weg geht nun weiter zu der kleinen Rehlinger Kirche, welche einen frei zugänglichen, hübschen Stempel beherbergt.(Es geht!). Davor ist ein nettes " Pilgerdenkmal."


Nun ist es nicht mehr weit bis zu meiner Pilgerherberge in Merzkirchen, die ich im Sturmschritt mittags erreiche, weil der Himmel rabenschwarz wird. Ich darf mir ein Zimmer aussuchen, weil ich die Erste bin. Für heute ist ein halber, fauler Tag angesagt, den ich genieße.

Abends wird die Herberge voll, weil die Meißner Pilgergruppe einzieht. Noch eine Nacht wollen sie nicht draußen verbringen. 2 Jungs werden in mein Zimmer mit einquartiert, damit es passt.
Abends kocht Marry für alle Spagetti Bolognese und so gibt es eine Mahlzeit in großer Runde.
Ich gehe schon 22 Uhr schlafen, denn faulenzen macht müde.
Am nächsten Morgen frühstücke ich, bevor alle aus den Federn kommen und laufe 9 Uhr fröhlichen Herzens in die Morgensonne. Der Weg führt auf der alten Römerstrasse auf einem Kammweg mit wunderbaren Weitblicken über die hügelige, liebliche Landschaft. In der Ferne tauchen am Horizont Kühltürme von einem Kraftwerk auf und meine Gedanken werden davon beeinflusst. Mein grünes Herz schlägt beunruhigt! Diese Nähe zur Zivilisation ist mir nicht geheuer. Ich versuche es auszublenden, aber es gelingt schlecht!
Mir begegnen Rehe, ein Hase und eine Herde Kälbchen, die sich eng in eine Reihe stellen, als hätten sie Angst vor mir. Ich rede ihnen gut zu und dass ist meine einzige Kommunikation auf den nächsten 15km, denn ich begegne keiner Menschenseele. Der Weg führt bis Sehndorf nur durch Natur. Unterwegs übe ich schon mal französische Sätze und merke, dass mir noch Vokabeln fehlen. Also ist heute Abend noch Selbststudium dran.
In Sehndorf gibt es ein hübsches Café mit Terrassenblick in die Weinberge, wo ich einen Latte Macciato schlürfe. Mein heutiges Ziel Perl ist bald erreicht und ich laufe noch bis zur Luxemburgischen Grenze und setze meinen Fuß darüber, um dann noch zur französischen Grenze zu laufen um das Selfi zu schießen.
In Perl habe ich wieder eine plüschige Herberge bei einer lieben Oma.
Zeit zum duschen, ausruhen und Essen gehen. Die letzte Nacht in Deutschland!

Freitag, 14. August 2015

Die 1000 ist voll juhuhu, die 1000 ist voll... (Melodie: Die Wanne ist voll)

Unglaublich, kaum fassbar aber es ist tatsächlich geschafft, heute, am 40. Tag meiner Wanderschaft habe ich die 1000km-Marke geknackt und somit das erste Drittel der geplanten Kilometer geschafft. Der Meilenstein war in Kesten erreicht.
Hallo ihr Rechner, eigentlich müsste ich da schon in Frankreich sein! Ja Umwege, Abwege, Irrwege und Stadtwege lassen sich nicht planen und bei der Gesamtlänge der Tour kommt es ja auf 100 km mehr nicht an!!! Finde ich jedenfalls.

Hier nun der Lagebericht der letzten Etappen. Mainz habe ich nach einem üppigen Frühstück gut gelaunt verlassen. An der Fernbushaltestelle stand Leipzig dran und ich dachte: Oh das ist näher an Görlitz , als ich und plötzlich überkommt mich eine Riesen-Heimweh-Welle! Mir laufen die Tränen einfach so runter und jeder Gedanke an meine Familie daheim tut weh. Verrücktes Huhn, es dauert eine Weile bis es wieder geht. Ich komme an den Mainzer Fernsehstudios in der Rushour vorbei und sehe die Mitarbeiter in ihre Büros fahren und denke kurz darüber nach, ob ich zum Pförtner gehe und frage ob sie eine nicht alltägliche Story wollen. Damit wäre es aber mit der Ruhe vorbei... Also gehe ich vorbei.
In Gonsenheim kam ich am Golfplatz vorbei und dort wird eine neue Eigenheimsiedlung erschlossen. Toller Blick auf das Rheintal für schlappe 520€/qm. Super Schnäppchen! ( An der Mosel gibts das für 55€!)
Mit der Unterkunft in Heidesheim habe ich Glück mit meiner Geschichte und bekomme einen bezahlbaren Preis, sodass es zum Essen gehen noch reicht.
Am nächsten Tag geht es dann in die Weinberge nach Ingelheim.Der Ausblick ist gigantisch und zwischen den Weinbergen gibt es immer wieder Pflaumen- und Mirabellenbäume und Brombeerhecken.Ich laufe abwärts an den Rhein und in den Auen kann ich immer wieder auf das Wasser schauen.So komme ich nach Bingen, wo eine leicht angestaubte Unterkunft mit  "elastischen" Fußboden wartet. Flugs das Waschbecken geputzt, geduscht ( in Schlappen) und alle Kirchen der Stadt nach Stempel und Gottesdienstzeiten abgesucht.
Auf der Burg Klopp finde ich den " Hildegardrundgang" und laufe zur Hildegardiskirche, welche wegen Bauarbeiten geschlossen ist. Am Rhein suche ich ein Lokal zum Essen und dann geht es ins Bett.
Am Sonntag Morgen gehe ich zur evang. Gemeinde zum Gottesdienst und empfinde die Predigt zum " Jerusalem- Sonntag," der recht jungen Pfarrerin als sehr eindringlich und sehr persönlich.Anschließend wandere ich zur Rocchuskapelle und zum Hildegardzentrum, denn dort gibt es den begehrten Stempel.

Mit dem Zug ( ja das darf ich auch einmal) geht es nach Koblenz, wo ich im 8. Stock ein Quartier beziehe. Koblenz  (besser der Bahnhof) liegt mir zu Füßen. Die Stadt ist voller Menschen da " Der Rhein in Flammen" noch nicht ganz vorbei ist. Die Informationssuche bei der Stadtbesichtigung gestaltet sich als äußerst schwierig, weil ich auf das nächstliegende nicht komme! Die Touri- Info hat hier SONNTAGS! bis 18 Uhr geöffnet! Wo gibts das noch in Deutschland? Ich bin begeistert!
Als alles klar ist, kann ich essen gehen und gehe ins " La Mama" ( Svea, was sagst du dazu?). Ich sitze an paralell gestellten Zweiertischen ( Vincenzo die Kommunikation klappt!) und wünsche meiner ebenfalls allein sitzenden Nachbarin "Guten Appetit" und dass ist der Anfang eines wunderbaren Abends in Koblenz. So lerne ich Margot kennen, welche mit mir einen Abendspaziergang durch das "Insider-Koblenz" macht. Margot arbeitet bei der Tourismusinfo und weiss so richtig nette Geschichten zu erzählen. Wir trinken im "Lenegarten" hinterm Schloss ein Sektchen, spendiert von einer Freundin und anschließend in der Stadt noch einen Wein bevor wir uns Adieu und Auf Wiedersehen sagen. Dies ist wieder so eine nette und unerwartete Überraschung des Weges.


Ja und jetzt bin ich mit Elli ( meiner großen Schwester) auf dem Moselcamino! Über den Hunsrück ging es in einer Bergetappe, die es in sich hatte, an die Mosel.
Nun weiß Ellli, dass nicht nur Burgen "geschleift" werden! Aber sie hat sich tapfer geschlagen und am Abend hatten wir schon einige Erlebnisse über die wir lachen konnten. Wir sehen ein jüngeres Geschwisterpaar wieder, dass erheblich länger brauchte für die erste Etappe. Als sie in der Pilgerherberge ankommen, sind wir natürlich frech und lästern nett. Sie nehmen es mit Humor und setzen sich im Restaurant noch zu uns. So haben wir einen lustigen Abend unter Pilgern.
Übrigens an der Mosel gibt es bei 8 Etappen schon 3 Pilgerherbergen! Super! Die erste betreibt ein Ehepaar mit sehr viel Liebe und Herzblut. Ein gemütliches Dachzimmer, eine schöne Dusche und viele Bücher zum Camino vermitteln Willkommen zu sein.
Am Morgen bekommen wir ein familiäres Frühstück und kommen erst 9 Uhr los. Elli hängt heute in den Seilen und kommt nur schwer in die " Pötte", aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. An letzterem finden wir hinter Hatzenport einen "Pilgerschluck" und der verleiht Flügel.
Die Burg Elz erreichen wir auf Umwegen und die Pause da oben ist dringend notwendig. Dann geht es nochmal rauf bevor es runter geht nach Karden, wo Elli uns das 1. Bett verhandelt, denn sie kann nicht mehr. Damit kommen wir ans Limit und suchen ein preiswertes Abendbrot. Wir finden die halbe "Pilgergruppe" von gestern im Lokal! Yvonnes Bruder hat heute aufgegeben und sie alleine weiter ziehen lassen. Wir treffen uns am nächsten Morgen, um gemeinsam zu pilgern.
Zusammen ziehen wir los nach Beilstein und der Weg führt durch herrlich einsame, mystische fast gruslige Wälder voll alter, knorriger Bäume. Sie spenden genug Schatten, um die Hitze zu ertragen. Die Steigungen haben es allerdings in sich. Elli ist schwer am kämpfen und Yvonne hat eine Blase an der Ferse. Zu allem Unglück sticht sie auch noch eine Wespe in den Arm.
Am Kloster Engelport machen wir eine Pause und da werden wir von einem französischen Paar angesprochen. Der Mann ist total begeistert und fotografiert meine Pilgerpässe.
Ziemlich kaputt kommen wir in Beilstein an und stärken uns mit Torte und Weinschorle auf der Terasse des Klosterkaffees. Dort beschließen wir einstimmig den letzten steilen Anstieg und 15 km zu schwänzen und stattdessen mit dem Schiff zwei Stunden gemütlich die Mosel nach Bullay zu schippern. Oh wie schön ist doch die Mosel.
In Bullay beziehen wir ein Dreibettzimmer bei einer ziemlich "grummeligen" Vermieterin und bewegen uns ständig zwischen Anteilnahme und Anpfiff.
Also gehen wie morgens schnell weiter und legen in Zell eine Pause ein, da Yvonnes Arm einer steinzeitlichen Keule gleicht! Sie hat eine fette Infektion, die sie aber nicht vom pilgern abhält.
Jetzt wird es richtig anstrengend, da es gleich fast 3 km steil bergauf geht. Hier haben die Weinberge bis zu 60% !!! Steigung. Am " Brummkopf" ist Elli am Ende ihrer Kräfte. Sie muss noch bis Enkirch durchhalten, aber dann nimmt sie den Bus zur Pilgerherberge.
Yvonne und ich nehmen die letzte Steigung auf die " Starkenburg", bevor es abwärts nach Trabach geht.
In der Herberge kommen wir fix und foxi an. 1000 Höhenmeter rauf und 1100 runter auf 25 km und bei 33Grad. Wir duschen und Elli holt uns lecker Abendessen aus dem Ort, damit wir nicht mehr laufen müssen. Dazu trinken wir Pilgerwein und feiern Abschied, denn Elli fährt nach Hause.
Ich ziehe mit Yvonne, nach einem sehr familiären und leckeren Frühstück in der Pilgerherberge weiter nach Bernkastel-Kues, wo wie schon sehr zeitig sind.
Unterwegs erhalten wir zufällig eine private Führung an einer alten römischen Weinpresse uns eine kurze Einführung in den Moselweinbau.
In Monzel steht heute unser Bett, was wir aber schon 14 Uhr erreichen. Also abgesagt und in der Pilgerherberge in Klausen angemeldet, denn hier kostet das Bett nur die Hälfte. Den steilen Anstieg und die 9 km sind gut zu schaffen und so sind wir schon am frühen Abend da.


PS: Wisst ihr, was wirklich cool ist? Dieser Blog zieht immer größerer Kreise. Meine "Fangemeinde" vermehrt sich und ich habe noch viele Glückwünsche von mir völlig unbekannten Menschen erhalten. UND ich kann Menschen fürs Pilgern begeistern! Das finde ich richtig fetzig.
Unterhalb der Burg Elz trafen wir auf eine Radlergruppe und wurden gefragt,ob wir pilgern. Als wir bejahten, erfuhren wir, dass einer von ihnen von Rom nach Santigo gepilgert ist und er Deutschland wunderschön findet. Ich frage woher sie sind. Aus Brasilien mit einer deutschen Urgroßmutter! Deshalb so ein perfektes deutsch! Nun wird der Blog auch in Brasilien gelesen. Das ist doch schon ziemlich global!
Wer mich kennt, weiß, dass ich ein "Statistiker und Planer" bin. Es wäre doch interessant zu wissen, wer dazu kommt! Also liebe Leser- Mut zum Kommentar!


Donnerstag, 6. August 2015

Geburtstagsnachlese



Ja Mainz ist immer für eine Überraschung gut oder besser gesagt Sves ist immer für eine Überraschung gut!
Klopft es doch gestern Abend an meine Zimmertür und ein Hotelangestellter steht vor der Tür und überreicht mir einen Brief. Ich staune und nehme ihn verunsichert an! Wer weiß dass ich hier bin? Svea gratuliert mir zum Geburtstag und hat sich ein wunderbar praktisches, mitfühlendes und entspannenden Geschenk ausgesucht. Ich bekomme eine Thaimassage in unmittelbarer Hotelnähe! Das ist ein so unschätzbar tolles Geschenk! Meine Süße hat mitgelitten, wenn sie meine Berichte hörte.
Also ging ich nach einem üppigen Frühstück im Hotel in eben jenes Massagestudio und war gespannt, was mich erwartet. Räucherstäbchen, thailändische Musik, eine "Buddelhose" und T- Shirt in rot und eine Masseurin, welche ganzen Körpereinsatz leistete, um meinen verspannten Rücken zu lockern. Oh tat das gut, wenn ich den Schmerz ausblendete! Da alles ziemlich fest war, bekam ich noch heiße Kampfertücher " eingearbeitet". Angenehm, der Geruch erinnerte mich sofort an meine Pferdesalbe.
Danach gab es noch eine Fuß Massage, wo jeder Druckpunkt gelockert wurde. Dazu gab es grünen Tee und Ingwerplätzchen, sodass ich völlig entspannt zuschaute.
Ja und als ich nach einer Stunde entlassen wurde, waren meine Füße so leicht, dass ich schwebte.
Auf der anderen Straßenseite entdeckte ich ein Tattoo- und Piercingstudio und war froh, dass Svea nicht auf DIE IDEE verfallen ist.

Also auf zum Stadtbummel. Zuerst erledigte ich die notwendigen Besorgungen für den weiteren Weg.
Dann lief ich zur Stephanskirche und schaute mir die wunderbar, leuchtenden, blauen Marc- Chagall-Kirchenfenster an, welche die Kirche in ein herrliches, diffuses Licht tauchten. Ich hatte das große Glück, dass einer Reisegruppe die Bilder erklärt wurden und Kirchen eine herrliche Akustik haben. So erfuhr ich u.a., dass Chagall seine Kinderlosigkeit mit seiner damaligen Frau in ein Bild mit eingearbeitet hat. Ich ließ den Raum eine Weile auf mich wirken und schaute mir dann noch den herrlichen Kreuzgang an.
Nun nahm ich den Weg quer durch die Stadt, um mir die Christuskirche und die Synagoge anzuschauen. Beides beeindruckende Bauwerke.
Die Neue Synagoge hat eine herrliche Architektur, die viel Raum für Assoziationen lässt. Manuel Herz hat sich wohl von den Laubhütten inspirieren lassen. Mich faszinierten vor allen die Lichteffekte der glasierten "Bausteine".
Genug der Kirchen und auf an den Mainzer Hafen zur Kunsthalle. Leider habe ich die Öffnungszeiten nicht erfragt und so kommt es, wie es kommen muss! Ich bin 17.30Uhr da und 18 Uhr wird geschlossen. "Ein nur kurz Hereinschauen- Rabatt" wurde abgelehnt und für den vollen Preis war ich zu geizig. Dann eben nicht!
Ich schlendere am Rhein zurück und ziehe mich ins Hotel zurück.
Morgen soll es weiter gehen und ich will früh los, denn es wird wieder "ungewöhnlich" heiß für einen Sommer! B-)

Mittwoch, 5. August 2015

Happy Birthday oder Bonifatius ist erledigt!

Heute nun habe ich Geburtstag und bin das erste Mal seit 51 Jahren allein an diesem Tag. Aber ich bin nicht allein, denn jede Menge "sms" und " verpasste Anrufe" zeigen mir das Gegenteil! Ich beantworte nicht alle, sondern sage hier allen herzlichen Dank.
Mein Liebster hat mit zum Geburtstag zwei Hotelübetnachtungen in Mainz geschenkt und nun fühle ich mich wie Harpe Kerkeling in Wanderkluft im " Hilton" so schön weicheiig! Aber schließlich habe ich es mir hart erwandert!
Die letzten Etappen auf der Bonifatiusroute waren sehr anstrengend. In Sichenhausen verabschiedete ich mich von Dorothea nach einem netten Frühstück. Sie bot mir spontan an bei ihr zu übernachten, wenn ich nach Kleinkarben laufe. Das war ein tolles Angebot, welches ich gern annehmen werde da die Übernachtungssuche anstrengend und teuer ist.
Die Gemeinden bieten keine Pilgerherbergen an, obwohl alle schöne, große Gemeindehäuser haben. Das ist ein echtes Manko, geht doch so der Pilgergedanke verloren und es wird mehr ein sportlicher Wettkampf bis zum nächsten preiswerten Bett. Auch fand ich zwei Etappen rund um Frankfurt nur geschlossene Kirchen, so dass die Ruhe und Besinnung im geschützten Raum der Kiche verloren ging.Hier gibt es noch richtigen Nachholbedarf!

Aber ich lief in Sichenhausen los, denn der Wald wartete und an der ersten Wegbiegung begrüßte mich ein Reh, ansonsten begegnete ich niemanden. Mein Ziel war Eschborn, denn nur dort fand ich noch ein Bett für diese Nacht. Unterwegs besorgte ich mir das 1. Mal richtig Proviant, weil die Übernachtungen teuer werden und ich das Essen gehen einschränken will, um in meinem Limit zu bleiben. Der Heißhunger lässt mich gleich vor Rewe 2 Joghurt und 1/2 l Kakao verschlingen. Der Rest muss nun geschleppt werden.  Es ging weiter und ich merkte, dass ich vom Weg abgekommen bin. Also Korrektur und ich finde den Weg in Lißberg wieder . Stolz laufe ich und wundere mich, als ich an einer Straße raus komme, die es in meiner Karte nicht gibt! Mist! Drehen der Karte hilft nicht! GPS- Funkloch!! Merde! Ich steh' im Wald... und da kommt ein Auto! Hurra! Finger raus und Leid geklagt! Ich bin in die falsche Richtung gelaufen, also 6km zurück! Der freundliche Mann lädt mich in sein Auto ein und nimmt mich mit zum Ausgangspunkt meiner Odysee und jetzt erkenne ich den Denkfehler! Noch gut 3 km und ich bin im  "Hessenhof" wo ich abends im sonnenbeschienenen Biergarten sitze und mir Pommes mit Salat und ein Radler gönne und dann wie ein Murmeltier schlafe.
Das Frühstück ist so reichlich, dass ein Mitnehme- Käsebrötchen hängen bleibt.Auf der ersten Wiese begegne ich wieder Rehen und schon nach 1/2 Stunde den ersten Gassi-Runden- Geher. Am ersten Picknickplatz telefoniere ich wegen eines Bettes und erhalte 5 Absagen! Die letzte gibt mir aber eine Telefonnummer und da habe ich Glück. Heute steht mein Bett in Rommelshausen.Auf dem Weg nach Glauberg treffe ich tatsächlich 4 andere Pilger und wir schwatzen kurz. Ich schaue mir das Keltenmuseum an und raste vor dem Museum. Ab da wird der Weg anstrengend. Nur noch Betonradwege und die Sonne knallt unbarmherzig.
In Rommelshausen begrüßt mich REWE und ich kaufe mir Melone aus der Kühltheke und gefüllten Streuselkuchen. Mein Quartier finde ich auf Anhieb und die Gastgeber sind ein nettes Ehepaar mit denen ich angeregt schwatze. Das Quartier ist eine herrliche Ferienwohnung und ich darf mich in die Relexbadewanne legen und lasse mir den Schaum um die Nase schwimmen.
1Stunde völlige Entspannung aller Muskeln. Welch eine Wohltat! Ich esse auf der Terrasse und gehe recht früh schlafen.
Am nächsten Morgen esse ich mein Müsli-Kaffee- Frühstück und laufe schon kurz nach 7 Uhr in einen sonnigen Sonntag hinein.Es geht zum Kloster Engelthal, aber der Gottesdienst hat schon angefangen, sodass ich nicht stören möchte und weiter ziehe.Unterwegs begegne ich jeder Menge Radfahrer, Jogger und Spaziergänger. Mit meinem Rucksack erwecke ich manche neugierige Frage und alle wünschen mir einen guten Weg.

Ich erreiche bei 36 Grad Eichen, ein wunderschönes Fachwerkdörfchen mit einer " Bücherzelle"(s. Foto). Das trifft sich ja richtig gut, denn gerade gestern fehlte mir ein bisschen Lektüre. Mein ausgelesenes Buch habe ich ja in Blankenau als " Wanderbuch" liegen lassen. Ich stöbere durch die Reihen und entscheide mich für "Der Wettlauf zum Südpol". Ich glaube bei den Temperaturen ist so ein " kühles" Buch eine erfrischende Abwechslung. Der Rucksack wird dadurch etwas schwerer, aber langsam bin ich trainiert.

Am Abend bin ich nach 33 km und 4 Litern Wasser bei Dorothea zu Gast. Sie holte mich an der Kirche in Kleinkarben ab und bringt mich zu ihrem Haus. Ihr Mann Klaus begrüße mich herzlich. Er ist ein richtiger hessischer Brummbär. Liebenswert und ein super Koch. Frisch aus dem Garten geerntet, kocht er uns Speckbohnen mit Kartoffeln und Salat. Dazu gibt es einen leichten Weisswein und das alles im Garten genossen, war ein Fest! Mit Dorothea unterhalte ich mich über Kinder, Bildung, Erziehung  (sie ist Lehrerin) und über das Leben. Mit ihrer herzlichen, frischen Art fühle ich mich bei ihr gut aufgehoben und bin erstaunt, als sie von ihrem 60 igsten Geburtstag erzählt, der schon eine Weile her ist. Ich dachte sie wäre etwa in meinem Alter! Ja Kinder halten jung! Wir saßen bis Mitternacht in ihrem Garten.
Morgens stellte ich mich und den Rucksack auf die Waage. Der Rucksack wiegt immer noch 15 kg mit Proviant, aber ich bin 4kg leichter. Hipp hipp hurra!
Nach dem Frühstück brachte mich Dorothea zur Kirche zurück und wir liefen zum Dorfrand, bevor wir uns verabschiedeten. Nun hoffe ich, wir bleiben in Verbindung.
Bei extremer Hitze (39 Grad) ging es endlos über Beton-Feldwege.Hier wuselten nur Feldmäuse in der trockenen Erde und ich laufe im Staub der trockenen Äcker und begegne nur einem " Gülle- Schmeißer", was das
Ganze noch zu einer stinkigen Angelegenheit macht!
Schon von weitem lag die Silhouette von Frankfurt mir zu Füßen. Ich näherte mich ihr allmählich, ließ sie aber im wahrsten Sinne des Wortes links liegen. Ich bewege mich den ganzen Tag im Speckgürtel der Metropole und schön ist es selten, dafür aber extrem laut.

Um zur Bonifatiusquelle zu kommen, laufe ich durch ein Neubaugebiet, dass an sozialistische Großprojekte erinnert.Herrlicher Blick aus Einheitshäusern mit sterilem Umfeld. Danach schließt sich der Campus der Goethe- Uni an und setzt das Bild fort! Riesig- Protzig- Leblos/ Lieblos!
In Eschborn habe ich eine mütterliche Pensionswirtin gefunden, die mir eine Nacht in ihrem privaten Gästezimmer anbietet, da der Pensionspreis zwar Frankfurt- adäquat ist, aber meine Pilgerkasse sprengen würde. Wir unterhalten uns auf ihrer Terrasse und sie schüttelt nur den Kopf und hält mich ein bisschen für verrückt. Dafür bekomme ich am nächsten Morgen, dass üppigste Frühstück meiner bisherigen Reise und auch noch Alufolie für die Mitnehmesemmel. Vielen Dank Frau Rowoldt.
Von Eschborn starte ich bei nur noch 29 Grad über die Äcker weiter und werde von einem Feldhasen begrüßt. Kurz danach bei Brombeerhecken hoppelt noch eine ganze Familie vor mir her. Links liegt immer noch die Skyline und ich komme gut voran. An der Bonifatiuskapelle in Kriftel halte ich meine Mittagsrast und danach geht es über eine Obstplantage. Wie lecker doch Äpfel, Pflaumen und Kirschen direkt vom Baum schmecken. Einfach unwiderstehlich! Dann kommt der Regen! Landregen, zwei Stunden durch eine Kiesgrubenlandschaft. Modder und Abkühlung sind der Preis.In Wicker hört es auf und so kann ich den Blick vom  "Nonnenberg" ohne Kaputze genießen. Weinberge am Rheingau! Winzetstuben, aber leider noch zu früh. Aber auf der " Neuen Flöhrsheimer Warte" ist schon offen. Mitten im Weinberg genieße uch Bienenstich und den rosigsten Rose'.  Die letzten 2 km zum Hostel laufen sich von allein. Im Weinberg stolper ich über ein ganzes Hasenrudel!  Zwischen den Reben springt mir ein ganz  unvorsichtiger Hase vor die Füße. Verrückt und lustig! Diese Nacht verbringe ich in einer einfachen " Monteursunterkunft" und erwache an meinem Geburtstag bei strahlend blauen Himmel. Das Frühstück ist besser als ich dachte und so laufe ich gestärkt in meinen Tag. Auf den Weinbergen wieder hoch und dann auf der Höhe durch herrliche Auenlandschaften. Über mir aller 3 Minuten ein Flugzeug zum greifen nah. Der Lärm stört die Idylle und bei jedem neuen Anflug bete ich, dass es oben bleibt, denn ich hätte keine Chance.
In Hochheim sitze ich in der Peter und Paulskirche und gedenke meines Startes vor 31 Tagen in unserer Görlitzer Peter und Paulskirche. So schließt sich wieder ein Kreis.
Auf den Mainterassen ist Mittagspause bei Weißweinschorle und Salat und ich unterhalte mich mit einem netten Ehepaar. Unterwegs spricht mich ein Radler an und erzählt von seinen Pilgererlebnissen in Frankreich. Das wat sehr interessant für mich,
Dann erreichte ich Mainz und habe im Dom meinen letzten Stempel abgeholt. Wieder ein Weg beendet.